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Fühl doch mal

Liebe Eltern, PädagogInnen, LehrInnen, ErzieherInen, Tageseltern, BabysitterInnen und alle die sich um Babys und Kinder in irgendeiner Form kümmern, ich habe eine Bitte an euch.

 

Sagt den euch anvertrauten, kleinen Menschen nie Dinge wie "Ist doch nicht so schlimm/ Tut doch nicht weh/ Stell dich nicht so an/Weine nicht/Da brauch man doch nicht traurig sein/Schrei nicht so/Wenn du so schreist, lass ich dich hier stehen/Mit schreienden Kindern rede ich nicht/Komm wieder, wenn du dich unter Kontrolle hast/Da braucht man doch keine Angst haben/Wer schreit bekommt nichts...".

Ich könnte diese Liste noch über Seiten weiter führen. Das sind alles Sätze, die "unschöne" Gefühle letztendlich verbieten und den Kindern das Gefühl für ihre eigene Wahrnehmung absprechen. Die Kinder lernen "Ich darf nicht weinen/wütend sein/traurig sein/Schmerzen äußern", sie lernen "ich muss das wegdrücken". Und das tun sie dann auch. Sie lernen nicht sich selbst zu beruhigen, die Gefühle zu verarbeiten und mit einem klaren Kopf weiter zu machen. Sie schieben die Gefühle an die Seite, um stark zu sein, um so zu sein, wie wir sie haben wollen. Und jede Trauer, jede Wut, jede Angst sammelt sich im Hintergrund. Das Gefühl wird nicht abgebaut, bloß weil es nicht offensichtlich ist, sondern nur verschoben.

 

Stellt es euch wie einen Luftballon vor. Jedes unterdrückte Gefühl ist einmal reinpusten. Das Kind pustet jedes mal, wenn es nicht weinen soll, wenn es nicht schreien soll, nicht aufstampfen soll, nicht traurig sein soll, keine Angst vor dem Hund oder dem dunklen Raum haben soll, wenn es keinen Schmerz empfinden soll, sich nicht erschreckt haben soll in diesen Ballon. Der Ballon wird größer und größer und irgendwann platzt er mit einem lauten Knall. 

 

Es entlädt sich später, zum Beispiel wenn wir sie vom Kindergarten oder der Schule abholen, denn wir sind der sichere Hafen, die Basis an der sich die Kinder reiben und fallen lassen können. Das ist der Punkt, an dem die Kinder sie Luft aus dem Ballon lassen können. Wenn wir als Eltern nun auch noch erwarten, das unsere Kinder brav sind, nicht laut, nicht wütend, nicht ängstlich, pustet  sich der Ballon mit den negativen Gefühle immer weiter im Hintergrund auf und knallt  umso lauter und heftiger. Bei manchen etwas früher, bei manchen später, bei manchen wenn sie alleine sind, bei manchen in einem harmlosen Streit um einen gelben Becher, bei manchen in dem sie die komplette Wohnung in Schutt und Asche legen.

  

Liebe Eltern, PädagogInnen, LehrInnen, ErzieherInen, Tageseltern, BabysitterInnen und alle die sich um Babys und Kinder in irgendeiner Form kümmern. Lasst die euch anvertrauten Kinder Gefühle haben, alle, auch die vermeintlich schlechten. Benennt sie, gebt ihnen einen Begriff für ihr Gefühl. Das gibt Halt, sie können das Gefühl dann Greifen und verarbeiten. Zeigt ihnen Strategien, wie sie damit umgehen können und lasst sie auch ihre eigene finden. Gebt ihnen den Freiraum zu sein, wie sie sind. Egal ob traurig oder fröhlich. Nur dann können sie irgendwann ihre Gefühle da lassen, wo sie passieren und sie verarbeiten.